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heiße Ann Gibson, bin 47 Jahre alt und habe sieben Kinder: drei leibliche
Kinder und vier Pflegekinder. Meine Pflegetochter Sinja hat FAS. Als wir
sie bekamen, war sie 4 Monate alt.
An einem Donnerstagnachmittag, bekam
ich den Anruf einer Sozialarbeiterin. Sie sagte:
„Frau Gibson, wir haben ein vier
Monate altes Mädchen in der Kinderklinik. Es ist alkoholgeschädigt - und
wenn sie das Kind nicht nehmen, muss es Montag ins Heim.“
Wir haben sofort „Ja!“ gesagt und
fuhren zum KH. Bevor wir das Kind sehen konnten, hatten wir ein
einstündiges Gespräch mit einer Sozialarbeiterin und dem zuständigen
Arzt.
Er riet mir dringend davon ab, dieses
Kind zu nehmen, zumal wir schon ein schwer behindertes Pflegekind hatten.
Er sagte: „Nein, das Kind können Sie nicht nehmen, es ist sehr schwer
geschädigt.“ Ich wollte das Kind trotzdem sehen und bin mit dem Arzt und
der Sozialarbeiterin in das Krankenzimmer gegangen. Der Arzt erzählte mir,
dass das Kind eine Gaumenspalte hatte, mit einem Herzfehler auf die Welt
gekommen und viel zu klein war, dass es außerdem nicht schlucken und nicht
saugen konnte. Ich ging in das Zimmer und da waren zwei Kinderbetten. In
einem Kinderbett lag ein Kind, das andere Bett schien leer zu sein. Ich
ging sofort zu dem Kind, welches eine Lippen-Gaumen-Spalte hatte. Ich
wollte es schon aus dem Bett nehmen, da sagte der Arzt: „Nein, das ist sie
nicht.“ Im anderen Bett lag ein Baby, bis obenhin mit der Decke zugedeckt.
Im Alter von 4 Monaten hatte es nur ein Gewicht von knapp 3500 Gramm. Man
hat es überhaupt nicht gesehen in diesem Bett, so klein war es. Man hat
sie mir gegeben – und das war’s: Ich habe sie einmal angesehen und das war
Liebe auf den ersten Blick. Ich konnte sie nicht wieder loslassen.
Wir mussten eine Woche lang
warten, bis wir sie voller Freude nach Hause holen konnten, da wir zuerst
in der Klinik lernen mussten mit der Magensonde umzugehen. Wir wussten,
dass das Kind alkoholgeschädigt ist. Was das für das Kind und für uns
bedeuten würde, das haben wir nicht gewusst. Trotz aller Freude über unser
Kind war das erste halbe Jahr die Hölle für uns. Sinja hat, ohne
Übertreibung, 20 von 24 Stunden nur geschrieen, sie hat nichts gegessen.
Obwohl sie eine Magensonde hatte, musste ich immer wieder versuchen, sie
mit der Flasche zu füttern, und damit haben wir mindestens 8 Stunden am
Tag verbracht. Das meiste, was wir so in sie hineingebracht haben, waren
370 ml an einem ganzen Tag. Davon hat sie natürlich vieles wieder
ausgespuckt. Wir konnten nicht schlafen, sie aß nichts. Zum Glück hatte
mein Mann damals Schichtdienst gehabt. Früh- und Nachmittagsschicht. Es
war so schlimm, dass wir uns eingeteilt hatten, wer mit dem Kind die ganze
Nacht aufbleiben musste.
Irgendwann hörte dieses Schreien auf
und etwa ab dem 2. Jahr fing Sinja an zu essen. Wir bekamen mit, dass sie
gerne Mandarinen isst, und haben sie dann regelrecht ‚bestochen’. Wir
haben die Mandarinen vor ihren Platz gelegt und gesagt: „Wenn du deinen
Teller leer gegessen hast, dann kannst du die Mandarine essen!“ Was sie
aß, war vielleicht für einen Vogel gerade genug, aber Hauptsache, sie hat
gegessen. So ging das immer weiter. Mit Obst konnte man so ziemlich alles
hinkriegen, sie liebt Obst.
Erst
mit vier Jahren kam sie erst in den Kindergarten, weil sie vorher viel zu
klein war, und diese Jahre waren die besten in ihrem Leben. Sie war immer
die Kleinste, auch als sie fast zur Schule ging, aber sie wurde ‚Boss’
genannt, weil sie sehr selbstbewusst war. Sie war zwar klein und dünn,
aber sagte jedem, was er zu tun hatte. Das war eine ganz tolle Zeit für
sie.
Als Sinja in die Schule kam, ging es
so langsam bergab mit ihr. Sie wurde ‚Omagesicht’ oder ‚Affengesicht’
genannt. Man sagte ihr: „Du bist zu klein. Du bist zu dünn. Du kannst
nicht richtig reden.“ Sie war mittlerweile dreimal an der Gaumenspalte
operiert worden. Dieses Kind, das früher so voller Leben gewesen war, fing
an, mit gesenktem Kopf herumzulaufen. Keiner sollte ihr Gesicht sehen,
weil sie Angst hatte, dass die Leute etwas zu ihr sagten wegen ihres
Aussehens. Sie sprach mit keinem Fremden, weil sie von fremden Menschen
nicht verstanden wurde, und es war ihr zuviel, dass die Leute immer: „Wie
bitte?“ fragten - also hörte sie auf, mit Fremden zu reden.
Sie hätte eigentlich auf eine
GB-Schule gehen sollen, ging aber in die Sonderklasse einer dänischen
Schule, weil unsere anderen Kinder auch dort waren.
Dänisch, English und Deutsch kann sie
prima reden, aber überhaupt nicht schreiben. Mathematik ist eine
Katastrophe. Sinja wird nächste Woche 14 und wenn man sie fragt: „Sinja,
was ist fünf minus vier?“ Da muss sie zunächst bis fünf zählen, dann die
vier wegnehmen und dann weiß sie, dass es eins ist.
Ihr Sprache hat sich sehr verbessert.
Anfang 1999 wurde ihr ganzer Rachen „umgebaut“. Es war eine
Sprachverbesserungs - OP und seitdem verstehen die Leute sie viel
besser.
Seit fast 5 Jahren bekommt sie
täglich Hormonspritzen wegen ihrer Wachstumsstörung. Mit 9 Jahren war sie
nur 115 oder 117 cm groß und jetzt ist sie mit fast 14 Jahren, nach dieser
Hormonbehandlung, fast 150 cm groß. Anhand einer Röntgen – Untersuchung
der Hand wurde uns gesagt, dass sie ohne Hormontherapie nie größer als 145
cm groß sein wird. Jetzt ist sie schon fast 150 cm groß und ihr
Selbstbewusstsein ist mit jedem Zentimeter, den sie wuchs, größer
geworden.

Sie wird nie in der Lage sein, eine
Ausbildung zu machen, aber wir haben das Glück, dass wir genau hinter
einem Reiterhof wohnen. Sinja hat ein eigenes Pony. Fast jedes Wochenende
sind wir mit ihr unterwegs. Sie macht Springturniere und andere Turniere
und ist sehr erfolgreich damit. Dazu muss ich sagen: Sie hat vor 3 Wochen
bei einem Zeitspringen mit 40 Teilnehmern den 11. Platz belegt. Für uns
war es so, als hätte sie den 1. Platz bekommen, so haben wir gejubelt.
Anfangs hatte sie beim Reiten
große Schwierigkeiten. Sie müssen es sich so vorstellen: Ein Kind, welches
nicht 1 und 2 zusammenzählen kann, kommt auf einen Platz und die Sprünge
sind nummeriert. Sind die Nummern alle in einer Reihe, hat sie damit kein
Problem, dann kennt sie das: 1, 2, 3, 4, 5, ... Wenn die Nummern
durcheinander stehen, ist sie völlig durch den Wind und es hat sehr lange
gedauert, bis sie es lernte. Aber die Reitlehrer unterstützen sie sehr.
Wir haben ihnen gesagt, was mit Sinja ist, und sie sind phantastisch,
diese Leute. Die Reitlehrer erklären ihr dann: „Du musst erst über den
Deutschländer und dann über jenes Hindernis..“ Dann kann sie es sich
merken, aber nicht mit den Nummern.
Ihr Reitlehrer hatte vorher ganz
viele Probleme mit ihr, wenn er ihr sagte: „Hier musst du rechts oder
links!“ Das hat sie natürlich nicht hinbekommen, weil sie nicht weiß, was
rechts oder links ist. Der Lehrer erklärte dann: „Sinja, du musst dahin,
wo deine Gerte ist“, oder: „dahin, wo deine Gerte nicht ist!“ Und das
klappte prima.
Wenn sie nach der Schule nach Hause
kommt, isst sie etwas, macht ihre Hausaufgaben und dann geht sie auf den
Reiterhof. Sie ist sehr begehrt auf dem Hof. Die anderen Pferdebesitzer
fragen oft, ob sie ihr Pferd putzt oder es von der Koppel holt. Für Sinja
hoffen wir, dass sie irgendwann einmal auf diesem Hof arbeiten kann, als
Stallmädchen z.B.
Sie hat einen Behindertenausweis
über einen Grad der Behinderung von 60 mit den Merkzeichen GBH. Dadurch
bekomme ich etwas von der Pflegekasse und ich kann es allen nur empfehlen.
Im Nachhinein kann ich nur sagen: Wir
haben es ganz schwer gehabt mit unserer Tochter. Als die Hänseleien
kamen, war es auch ganz schlimm und wir haben oft über sie geweint. Wir
haben drei behinderte Kinder, aber wir haben noch nie über eine
Behinderung so viel geweint wie über Sinjas weil sie weiß, dass sie
behindert ist.
Eines Tages, als sie wieder ins KH
fahren musste wegen einer OP, fragte sie uns im Auto:
„Mama, warum bin ich so auf die Welt gekommen?
Warum bin ich nicht so wie andere Kinder?“
Das war 1999. Wir erzählten es ihr
und sie antwortete:
„Weißt du was, Mama, du musst jedem schreiben,
telefonieren und allen erzählen,
dass
sie keinen Alkohol trinken sollen, wenn sie schwanger sind,
sonst kriegen sie solche Kinder wie mich - und das ist fies und gemein!“
Solche Worte von einem Kind, das
selbst betroffen ist! Das ist der Grund, warum ich mich so in FAS-World
engagiere.