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Die Bernhard - Salzmann - Klinik
Die Mutter-Kind-Station...
Es ist gleich 8.30 Uhr an einem schönen Sommertag, der heiß zu werden
verspricht. Aber ich nutze nicht die Zeit um die Sonne zu genießen, ich sitze im
Auto und suche mir den Weg zur Bernhard-Salzmann-Klinik in Gütersloh. Dazu bin
ich nun seit 2 Stunden mit dem Auto unterwegs. Außerhalb der Stadt komme ich auf
ein großes weitläufiges Gelände mit sehr altem Baumbestand. Buchen, Eichen,
Trauerweiden. Um zur Bernhard-Salzmann-Klinik zu gelangen, fahre ich zunächst
durch das Gelände der Westfälischen Klinik Gütersloh. Beide Kliniken sind
miteinander fusioniert, wie man heutzutage so schön sagt.
Nach einiger Zeit stehe ich
nun vor dem Gebäude für den Ärztlichen Dienst. Meine Bachblüten-Tropfen,
die ich in letzter Minute einpackte, nehme ich nun doch nicht, ich fühle mich
mutig genug für diesen Tag und wir wollen es ja nicht übertreiben und gleich zum
Rebell werden. Georgios Mantikos, der Oberarzt, erwartet mich mit
bereitgestelltem Kaffee, den ich dringend benötige und dann steigen wir sofort
ein in ein äußerst angeregtes Gespräch über ca. 1 ½ Stunden.
Weshalb fahre ich überhaupt
zu dieser Klinik? Der Grund ist einfach: FAS!
Was ist FAS? - fragen
sich sicher nun viele Leser, wer aber unsere Homepage kennt, der wird auch FAS
kennen gelernt haben und ich werde auch nicht näher auf dieses Thema eingehen.
Diese Klinik hier arbeitet im Suchtbereich, genauer gesagt wird dort
Medizinische Rehabilitation durchgeführt mit einer Therapiekonzeption für die
Mutter-Kind-Therapie.
Zitat aus der Klinikbroschüre:
„Es gibt in Deutschland über eine Million suchtkranke Frauen, darunter
auch schwangere Frauen und Mütter mit Kleinkindern. Viele von ihnen haben den
Wunsche, sich einer Therapie zu unterziehen, wenn auf ihre speziellen
Bedürfnisse eingegangen würde. In unserer Klinik besteht die Möglichkeit,
schwangere Frauen zu behandeln und noch nicht schulpflichtige Kinder mit in die
Therapie zu bringen, die während der Therapiezeit ihrer Mütter hier betreut
werden. Die Mutter-Kind-Station der Klinik ist eine von sechs Stationen.“
Zur Entstehung dieses
Konzeptes erzählte mir Frau Herold vom Stationspersonal, dass sie eine Frau in
Therapie hatten, deren Schwangerschaft nicht bekannt war. Sie hat ganz
überraschenderweise Wehen bekommen und ein Kind als Frühgeburt zur Welt
gebracht. Damit ihre Entwöhnungstherapie nicht unterbrochen werden musste, hat
eine couragierte Mitarbeiterin der Klinik kurzerhand ein Zimmer als
Mutter-Kind-Zimmer eingerichtet. Dies war im eigentlichen Sinne die
Geburtsstunde dieser Abteilung. Bald merkten Ärzte und Therapeuten, dass hier
definitiv ein Bedarf besteht und verlegten die Station in einen anderes Haus mit
größeren Trakt, der sogar noch eine Erweiterung bekam. Zu dieser Zeit wurden
auch ausschließlich Mütter mit Kindern aufgenommen. So kam es, dass zur
‚Hoch-Zeit’ bis zu 19 Kinder auf der Station waren.
Zitat aus der Klinikbroschüre:
„Warum wir uns besonders an suchtkranke schwangere Frauen und
suchtkranke Mütter richten":
Kinder von suchtkranken Frauen sind in vielfacher Hinsicht gefährdet:
Durch die allgemein bekannte
teratogene Wirkung von Suchtmitteln im Mutterleib.
Durch die Suchterkrankung ist die Frau nicht
in der Lage, ihre Funktion als Mutter vollständig zu erfüllen. Daraus
resultiert eine reduzierte oder ganz vernachlässigte Aufrechterhaltung des
Familienalltages.
Durch das gestörte Familiensystem einer
Suchtfamilie kommt es oft zu Rollendiffusionen, die die Kinder psychisch
belasten. (z.B. musste ein 12-jähriges Mädchen sich um ihre erheblich
jüngere Schwester kümmern. Da sie durch diesen Umstand hoffnungslos
überfordert war, kam es auch vor, dass sie mitten in der Nacht der Schwester
ein Video in den Kasten schob, damit sie selber schlafen konnte, denn morgens
musste sie zur Schule.
Die Suchterkrankung hemmt die Mutter häufig,
ein konsequentes Erziehungsverhalten zu verwirklichen. Es kommt zur
„Schaukelerziehung“ zwischen Vernachlässigung und Verwöhnen. Ebenso fehlt der
kreative Umgang mit dem Kind oft ganz. Auch zeigen sich diese Kinder besonders
schwierig, sei es aus organischen Entwicklungs- und Reifungsstörungen, sei es
aus pädagogischen oder emotionalen Defiziten.
Die Eltern, in diesem Fall besonders die
suchtkranken Mütter, ermöglichen den Kindern keine positiven
Identifikationsmodelle.
Die Suchterkrankung führt die Mutter in eine
Isolation, soziale Kontakte brechen ab, worunter auch die Kinder zu leiden
haben. Als Folge können z. B.
Deprivation und
Retardierung auftreten. Die Entscheidung dieser Mütter zu einer Therapie
gestaltet sich besonders schwierig, wenn diese Mütter ihre Kinder nicht m
Stich lassen wollen und es ihnen nicht gelingt, für die Therapiezeit eine für
sie akzeptable Betreuungsmöglichkeit zu finden.
Die Mutter-Kind-Station existiert seit 1984.
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Wie kommen die Frauen zu einem Therapieplatz?
Zunächst ist es notwendig,
dass sie die eigene Abhängigkeit erkennt und den Willen hat etwas zu ändern. Sie
sucht eine Suchtberatungsstelle auf, welche gemeinsam mit der Patientin die Reha–Behandlung
in die Wege leitet. Kostenträger sind: die LVA, die BFA oder das
Sozialamt. Vorraussetzung zum Antritt der Reha-Therapie ist Freiwilligkeit und
eine durchgeführte Entgiftung. Diese wird z.B. in der Westfälischen Klinik
Gütersloh oder einer anderen psychiatrischen Klinik durchgeführt.
Ich frage Herrn Mantikos, ob es auch Gynäkologen
oder Pädiater gibt, die ihren Patientinnen eine Therapie nahe legen?
Dies kommt in den
allerseltensten Fällen vor. Möglicherweise liegt hier der Grund in
wirtschaftlichen Erwägungen. Mag sein, dass niedergelassene Ärzte sich scheuen,
einen Verdacht auf Alkoholabhängigkeit auszusprechen, um die Patienten nicht zu
verlieren. Chefarzt Dr. med. Ulrich Kemper sagte mir allerdings am Telefon
vor einigen Wochen, dass es niedergelassene Gynäkologen gibt, die eine
psychologische Zusatzausbildung absolviert haben und ihre Patientinnen, sofern
hier keine Alkoholabhängigkeit sondern lediglich Alkoholmissbrauch vorliegt,
ambulant betreuen und therapieren.
Wie lange dauert die Therapie und was ist, wenn
eine Schwangere zwischendurch entbindet?
Die Therapie bei
Alkoholabhängigkeit ist begrenzt auf 16 Wochen, sollte eine schwangere Frau in
dieser Zeit ihren Entbindungstermin haben, so wird sie in dieser Zeit auf einer
normalen Frauenstation aufgenommen. Für den Fall, dass Komplikationen beim Kind
erwartet werden, entbindet die Mutter in Bielefeld, weil dort eine Kinderklinik
angeschlossen ist. Nach der Entbindung kann die Mutter mit dem Neugeborenen ihre
Therapie in Gütersloh fortsetzen.
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Wie sehen die Aufnahmebedingungen aus?
Zitat aus der Klinikbroschüre:
„Folgende Aufnahmekriterien sollten erfüllt
sein:
Abgeschlossene Entzugsbehandlung
Gesicherte Diagnose der
Abhängigkeitserkrankung
Rehabilitationsfähigkeit
Rehabilitationsbedürftigkeit“
Auf der Mutter-Kind-Station
werden alkohol-, medikamenten-, spiel- und drogenabhängige Frauen
gemeinsam, dem integrativen Behandlungsansatz entsprechend, behandelt. Es können
schwangere Frauen und Mütter mit bis zu zwei Kindern im Vorschulalter
aufgenommen werden. Die Klinik nimmt auch Frauen ohne Kinder auf. Dieses Konzept
der gemischten Therapie hat sich bewährt laut Aussage des Stationspersonals.
Früher waren wesentlich mehr Kinder auf der Station, dies hat naturgemäß einen
erhöhten Geräuschpegel zur Folge.
Wenn man außerdem noch
bedenkt, dass es sich bei den Kindern möglicherweise um
FAS-Kinder oder auch aufgrund der Familiensituation um verhaltensauffällige
Kinder handeln kann, so ist leicht vorstellbar, welche Belastungen auf dem zu
betreuenden Personal und auf den Müttern ruhten, die doch eigentlich dazu da
waren, um für sich etwas tun zu können. Die Aufnahme von Frauen ohne Kinder und
auch aus anderen Suchtbereichen hat zum Vorteil, dass die allein stehenden
Patientinnen von sich aus den Müttern Hilfe sind, indem sie sich bei der
Kinderbetreuung einbringen, außerdem ist der Austausch und das Gespräch
über die verschiedenen Suchtthemen offener. Es ist insgesamt ruhiger auf
der Station und die Therapie verläuft ungestörter. Durch die kleineren Gruppen
in dem hauseigenen Kindergarten ist es auch den Erzieherinnen möglich sich eher
dem einen oder anderen Kind besonders zu widmen.
Zitat aus der Klinikbroschüre:
„Unserer Erfahrung nach ist es therapeutisch sinnvoller, wenn Mütter
mit nur einem Kind zur Therapie kommen, denn die Versorgung von zwei Kindern
neben den Belastungen einer stationären Therapie erfordert eine erhebliche
Anstrengung.
Vor Therapiebeginn ist eine Entgiftung der Frauen erforderlich. Die Mütter sind
in der gesamten Behandlung für ihre Kinder verantwortlich und betreuen sie in
der therapiefreien Zeit selbst. Somit ist eine Mutter-Kind-Entgiftung bei uns
nicht möglich. Sinnvoll ist ebenfalls vor Therapiebeginn die Durchführung einer
psychologisch/medizinischen Diagnostik der Kinder, um mögliche
Entwicklungsverzögerungen bzw. –störungen abzuklären.
Die Kostenübernahme für die Mutter selbst stellt
erfahrungsgemäß keine Schwierigkeiten dar. Diese wird im üblichen Rahmen bei den
zuständigen Leistungsträgern beantragt. Die Kinder bleiben während der
Behandlung in der Obhut der Mutter und werden während der therapeutischen
Maßnahme in unserem hausinternen Kindergarten von Erzieherinnen betreut. Die
Leistungsträger bezahlen die Unterbringung der Kinder in der Regel aus den
Mitteln der so genannten Haushaltshilfe, so ergibt sich in der Regel keine
Schwierigkeit in der Finanzierbarkeit in der Unterbringung für das Kind.
Es ist ratsam , mit den Leistungsträgern selbst die Kostenübernahme für das Kind
vorher telefonisch abzuklären. In der Begründung kann hier auf eine ggf.
notwendige Verbesserung der Mutter-Kind-Beziehung hingewiesen werden. Falls ein
leistungsträger eine Zahlung ablehnt, empfiehlt es sich, beim zuständigen
Jugendamt oder beim zuständigen Sozialhilfeträger eine Übernahme der Kosten
anzufragen.“
Zur Entgiftung ist eine
Einweisung eines niedergelassenen Arztes notwendig. Schon die Entgiftung bei
einer Schwangeren ist gar nicht so unproblematisch. Sie dauert insgesamt 10
Tage.
„Entgiftungen bei
Drogenabhängigen verlaufen komplikationsloser!“ berichtet Herr Mantikos.
Allerdings kann er nicht
auf Einzelheiten eingehen,
weil dies nicht auf der Station durchgeführt wird. Bei Alkoholabhängigkeit kann
es zu Krampfanfällen, Delirium tremens und Herzproblemen kommen. Der Entzug wird
vorsichtig medikamentös begleitet in Abhängigkeit vom Alter des Ungeborenen.
Fehlgeburten können u.U. auftreten. Hier sehe ich noch Bedarf, sich mit
den entsprechenden Ärzten, die diese Entgiftung vornehmen, zu unterhalten.
Im weiteren
Gesprächsverlauf kamen wir auf den sprichwörtlichen ‚Hund’ der hier
begraben liegt zu sprechen. Ich berichte kurz, wie es vor Jahren in dieser
Klinik ausgesehen hat und man kann aus diesen wenigen Sätzen erkennen, was
verloren gegangen ist:
Zu jener Zeit wurde der
Klinik ein höherer Pflegesatz für die begleitenden Kinder gezahlt. Aus diesem
Grunde und durch geschicktes Klinikmanagement war mehr Personal vorhanden und
dies wurde auch positiv für die Kinder eingesetzt. Gab es auffällige Kinder –
z.B. aufgrund von Gesichtsdysmorphien, des Verhaltens, Zeichen von
Deprivation oder was auch immer – wurden
diese Herrn Professor Hermann Löser in
der ca. 55 km entfernten Uni-Klinik Münster vorgestellt, teilweise begleitete
Klinikpersonal die Kinder. Dort wurde dann – entsprechend dem vorliegenden
Befund – die Diagnose gestellt und mit den Kindern konnte Frühförderung oder
andere notwendige Therapien durchgeführt werden und die Mütter wurden über die
Krankheit der Kinder aufgeklärt. In bestimmten Fällen kam Professor Löser auch
zur Diagnostik nach Gütersloh. Durch die Reformen kann die Klinik dies
seit 1997 nicht mehr leisten, weil der Pflegesatz drastisch gesunken ist, er
liegt bei ca. 33,- Euro/Tag.
Das Personal musste
reduziert werden und man kann sich ausschließlich um die Frauen kümmern. Es gab
erhebliche Bemühungen seitens der Klinik, diesen Zustand zu verhindern, sie hat
sich auch mit dem Landesjugendamt in Verbindung gesetzt – ohne Erfolg. Die
Kinder werden nun lediglich von zwei Erzieherinnen betreut. Bzw. gibt es eine
Vollzeitkraft und eine Teilzeitkraft. An den Nachmittagen ist eine Mutter
zusammen mit der Vollzeitkraft für die Betreuung der Kinder im Kindergarten
zuständig
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Werden die Mütter über die Folgen von Alkohol in
der Schwangerschaft aufgeklärt?
Im Prinzip: „JA“
- ABER --- Eine Aufklärung über die Folgen in der
Schwangerschaft wird im Rahmen von ärztlichen Vorträgen gestaltet. Natürlich
gibt es auch Einzelgespräche, jedoch muss der behandelnde Therapeut immer
abwägen, inwieweit die Mutter mit den Tatsachen einer bereits vorhandenen
Schädigung ihres Kindes konfrontiert werden kann, dies u. U. auch noch in einer
sensiblen Phase. Die Patientinnen müssen an vier ärztlichen Vorträgen
teilnehmen – die Wahl des Themas bleibt ihnen überlassen. Sehr gerne angenommen
wird das Thema: „Kinder aus Suchtfamilien“ weil sich die Patienten auch
selber wieder erkennen können in Bezug auf ihre eigenen Herkunftsfamilie. .
Das Therapeutische Team
setzt sich zusammen aus Mitarbeiter/Innen der Berufsgruppen Facharzt für
Psychiatrie und Psychotherapie, Diplom-Pädagoge, Diplom-Sozialarbeiter/-pädagoge,
Suchtfachpflegekräfte. Zur Betreuung der Kinder gehören dem Team Erzieherinnen
an. Stationsübergreifend werden Angebote in der Ergo- und
Gestaltungstherapie angeboten, in der Bewegungs- und Physiotherapie. Aus allen
Arbeitsbereichen setzt sich dann das multiprofessionelle Team zusammen, das in
einem wöchentlichen Team zusammenarbeitet.
Früher hatte der Arzt
direkt auf der Station ein Zimmer. Dies führte aber dazu, dass die Frauen
ständig irgendwelche Fragen und Probleme hatten. Durch die räumliche Entfernung
(ein eigener Ärztetrakt etwa 500 m entfernt) wurde dies geändert. Sofern eine
der Mütter zusätzlich einen Facharzt benötigt bekommt sie eine Liste der
ortsansässigen Ärzte, muss sich selber einen Termin besorgen und auch selber
dafür Sorge tragen, dass sie ihn einhält. Vor dem Klinikgelände ist eine
Bushaltestelle, von daher ist eine Anbindung an die Stadt Gütersloh kein
Problem. Dies führt zu einem stückweit mehr Eigenständigkeit. Die Frauen kommen
häufig und klagen über ein überaus wichtiges gesundheitliches Problem, möchten
vom Stationspersonal einen Termin beschafft haben. Sobald dies in der eigenen
Verantwortung liegt ist diese Sache auf einmal nicht mehr unbedingt so wichtig.
Dies zumindest sind die Beobachtungen des Personals. Auf der anderen Seite
nehmen die Frauen dieses Angebot eines externen Facharztes auch gerne an, denn
sie merken, aufgewacht aus ihrem Suchtkreislauf, wie sie sich selber persönlich
vernachlässigt haben.
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Therapie
Zitat aus der Klinikbroschüre:
Psychosoziale Betreuung und Beratung der werdenden
Mutter, realistisch, unter Berücksichtigung der Fragen einer
evtl. Schwangerschaftsunterbrechung oder Adoption, aber mit dem Ziel des
Erreichen einer Akzeptanz der oft unerwünschten Schwangerschaft.
Eine bestmögliche Betreuung der Schwangerschaft
unter Berücksichtigung der evt. Risikofaktoren (Schwangerschaftsgymnastik,
Vorbereitung auf natürliche Entbindung).
Eine optimale Durchführung der Risikogeburt, um
möglicherweise bereits aufgetretene kindliche Suchtmittelschäden rechtzeitig
zu erkennen und zu therapieren.“
Die Therapie besteht – laut Herrn Mantikos –
aus:
Einzeltherapie, Gruppentherapie, Familiengesprächen,
Gestaltungstherapie, Arbeitstherapie
-
auf die einzelnen Therapieformen werde ich später
eingehen.
Von dem Oberarzt erfahre
ich noch, dass Professor Klein der Katholischen Fachhochschule in Köln
Forschungen betreibt über Kinder aus Suchtfamilien.
(Info zu Prof. Klein: http://www.addiction.de/index2.htm )Es geht um die
sozialen Folgen, um Ausarbeitung hilfreicher Prävention. Dazu gibt es einen
bundeseinheitlichen Fragebogen, der über Kliniken und Kinderärzte verteilt wird.
Die Ergebnisse werden für das Jahr 2004 erwartet.
Nun werde ich „weitergereicht“ an die Therapeuten und das Stationspersonal. Im
Stationszimmer erläutere ich kurz wer ich bin, woher ich komme, was
FASworld
ist – und – wir waren gleich beim Thema des Personals. Es ist ein persönliches
familiäres Problem eines Mitarbeiters und beschäftigt sie intensiv.
Also, wie man sieht – FAS – ist allgegenwärtig. Zu einem Gespräch gehe ich
mit Frau Hülser, der Dipl.-Sozialarbeiterin in ihr Zimmer – auf dem Weg dorthin
frage ich mich, was ich hier eigentlich mache? Eigentlich könnte ich auf
der Terrasse liegen und die Sonne genießen. Aber zurück zu meinem
Gespräch mit Frau Hülser.
Zunächst erfahre ich, dass das Einzugsgebiet der Klinik bundesweit ist, das war
mir neu. Es scheint auch nicht allzu viele Kliniken zu geben die Therapien für
Schwangere anbieten.
Hier erfahre ich auch wieder, dass die Frauen selbständig zu den Suchtstellen
gehen. In einigen Fällen kommt es zu einer Reha-Maßnahme auch durch
aufmerksame Betreuer der Kinder – z.B. im Kindergarten. Sie stellen
möglicherweise Verhaltensstörungen der Kinder fest oder dass die Mutter die
Kinder ab und an mit ‚Fahne’ abholt. Wird hier das Jugendamt eingeschaltet, so
kann es auf diesem Wege zu einer Betreuung der Familie kommen und auf diesem Weg
auch der Weg freigemacht werden zu einer sinnvollen Reha-Therapie. Dies
geschieht durch behutsamen Umgang der JA-Mitarbeiterin und vorsichtiges
Herantasten an die Problematik. (das gibt es auch)
Ihre Erfahrungen mit den
Jugendämtern sind sehr unterschiedlich. Die Zusammenarbeit mit den Ämtern reicht
von – Sehr gut – bis schlecht. In einem Fall hat sie sich sehr bemüht, mit
einer Patientin eine geeignete Therapiestelle zu bekommen
(Mutter-Kind-Einrichtung) für eine junge Mutter mit Kleinkind in Absprache
mit dem zuständigen Jugendamt – durch Betreuerwechsel haben sich die
Prämissen geändert, sie hatte keine schriftliche Zusage des erklärten Ziels des
JA’s. Letztlich scheint der ganze Vorgang gestrichen worden zu sein wegen
Geldmangels, die Kosten für die notwendige, vom JA mit angestrebte Unterbringung
wurden nicht übernommen.
Die Zusammenarbeit mit
anderen Jugendämtern (hier wurde vor allem Hannover gelobt) klappt meist sehr
gut. In einem Fall kam sogar eine JA-Mitarbeiterin mit den zwei Kindern einer
Patientin zum Besuchskontakt, sie kümmerte sich auch in der Zwischenzeit um die
Frühförderung für die Kinder, so dass ein Zusammenleben mit den Kindern nach der
Therapie der Mutter auf besseren Fundamenten beruhte.
In der Therapie wird mit
den Frauen auch über die Schäden von Alkohol in der Schwangerschaft gesprochen –
es wird aber nicht unbedingt jede einzelne Mutter angesprochen wenn der Verdacht
auf FAS vorliegt. Und nun höre ich zum zweiten Mal, wie gut es ‚früher’ gewesen
ist, dass man mit den Kindern Diagnostik und Frühförderung machen konnte usw.
Aufklärung über die Folgen von Alkohol in der Schwangerschaft. Es ist eine
Gratwanderung! Die Frauen machen eh eine schwierige Phase durch, werden
u.U. einzig durch die Tatsache, dass sie ihr Kind bei sich haben – oder wegen
Schwangerschaft aufrecht gehalten und diese Beziehung wird getrübt durch die
Wahrheit. Durch unsensibles Vorgehen kann es zu Abblockverhalten oder gar zu
vorzeitigem Therapieabbruch kommen.
Die Mitarbeiter kennen die
äußeren Kennzeichen und sehen, wenn sie geschädigte Kinder vor sich haben. Ich
stelle es mir sehr schwer vor, diesen Weg zu gehen, manchmal zusehen zu müssen,
dass NICHTS geschieht oder ALLES geschieht, wie man es nimmt. Im letzten
Jahr sind genau zwei schwangere Frauen da gewesen – beide haben die Therapie
abgebrochen – zumindest von einer Frau sagt Frau Hülser, dass sie sich sicher
ist, dass diese nicht weiter getrunken hat – zumindest nicht solange sie
schwanger war.
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Wie
ist der Kenntnisstand der Mütter über Schäden von Alkohol in der
Schwangerschaft?
Die Kenntnisse differieren
erheblich – sie reichen von – „fast gar nichts“ bis zu „recht guten Kenntnissen“
über die Folgeschäden. Über die Folgen von Rauchen in der Schwangerschaft ist
fast mehr Wissen vorhanden und trotzdem wird in der Schwangerschaft geraucht.
Auch die übrigen Frauen sind nicht an einer Raucherentwöhnung interessiert. Sie
wird zwar angeboten, aber kaum angenommen. Hier gibt es Aussagen wie: “Ich habe
in der Schwangerschaft auch geraucht und das Kind ist gesund.“ „Ich will vom
Alkohol wegkommen, da brauche ich meine Zigaretten.“
Wo sollte Ihrer Meinung nach eine Aufklärung
stattfinden?
-
In der Grundschule – die eigene Tochter kam schon mit den Sätzen nach Hause:
„Alkohol schadet den Babys in der Schwangerschaft.“
-
In der Pubertät – z.B. im Rahmen der Rötelnimpfung
-
Bei Gynäkologen, dort sollte zumindest genügend Infomaterial eventuell auch ein
Plakat ausgehängt werden. Ihre eigenen Erfahrungen der Aufklärung über
Schwangerschaft sind auch äußerst dürftig
-
Durch den Mutterpass
Als ich von den allgemeinen
unterschiedlichen Erfahrungen über FAS-Kenntnisse in anderen Ländern sprach
berichtete sie mir bestürzt von einem irischen Film: „The Snapper.“
(THE SNAPPER The Snapper
1993, 94 min. Prod.: BBC Films, Verleih: Concorde / TV - 6.1.1994
In THE SNAPPER wird Vater
Dessin, Oberhaupt der neunköpfigen Arbeiterfamilie Curley, durch seine Tochter
Sharon in der Wohnküche mit der (un)erfreulichen Nachricht konfrontiert, dass
sie ein Baby erwartet. Der flehentlichen bis fordernden Bitte, den Namen des
Vaters preiszugeben, kommt Sharon nicht nach. So geht Vater Dessie erst einmal
zu seinen Freunden in die Kneipe. Sharon betrinkt sich unterdessen mit ihren
Freundinnen, und in der Nachbarschaft beginnt der Klatsch. "Die raschen Wechsel
zwischen Komik und Ergriffenheit wirken menschlich nachvollziehbar und erzeugen
folgerichtig Lachen und Mitgefühl beim Zuschauer, der Lust auf Dublin und Durst
auf Guiness bekommt.") und alle Welt findet diesen Film witzig.
Frau Hülser kennt noch eine Jugendhilfeeinrichtung in Wiesbaden. Therapiedorf
„Villa Lilly“ (Bad Schwalbach – Caritasverband) Dort findet die Suchtentwöhnung
bei Jugendlichen statt.
Nach dem Gespräch werde ich wieder weitergereicht und darf mir zusammen mit Frau
Herold die Station ansehen. Das Erste, was ich hier höre ist, dass es früher
anders war, man hatte mehr Gelder zur Verfügung für die Kinder, man hat
Therapeuten geschickt eingesetzt für die Kinder..... es ist überdeutlich zu
spüren, dass es den Mitarbeitern weh tut, dass hier nur noch eine Betreuung der
Kinder durchgeführt werden kann.
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Räumliches Setting
In der Mutter-Kind-Station
können 11 Mütter mit ihren Kindern im Vorschulalter und 3 Schwangere
aufgenommen werden.
Auf der Station bewohnt die
Mutter gemeinsam mit ihrem Kind bzw. mit beiden Kindern ein Zimmer. Die Station
ist als Wohngruppe eingerichtet. Es befindet sich auf dem Trakt ein
Hauswirtschaftsraum, eine Küche, ein Besucher- bzw. Telefonzimmer, ein
Aufenthaltsraum, ein Spielzimmer. Im Keller befinden sich Waschmaschine,
Trockner und alles andere, was Frau benötigt, um die eigene Wäsche in Ordnung zu
halten. Alle Räume haben eine weit oben angebrachte Türklinke zusätzlich zur
normalen Klinke – aus Gründen der Kindersicherung. Nach dem Frühstück, welches
die Frauen selber richten und gemeinsam im Speiseraum einnehmen, werden die
Kinder um 8.00 Uhr zur Betreuung in den Kindergarten gebracht. Der
Hauswirtschaftsraum wird von den Patientinnen genutzt. Ihnen obliegt die
Reinigung des eigenen Zimmers und der Station, es ist Teil der Arbeitstherapie.
Ich persönlich finde es gut, denn wenn den Frauen in dieser Zeit alle Arbeit
abgenommen wird, wie sollen sie sich in ihrem häuslichen Bereich wieder zurecht
finden? Bis 9.15 Uhr muss die Arbeit erledigt sein, weil dann die Gruppen- oder
Einzeltherapie beginnt. Die eigenen Zimmer müssen ordentlich sein,
ansonsten schreitet Frau Herold sehr energisch ein. Sie erklärt auch den Frauen,
dass das Erscheinungsbild des Zimmers Rückschlüsse auf die Person gibt, die
dieses Zimmer bewohnt. Ist im Inneren Ordnung, dann sieht das Zimmer auch
ordentlich aus. Nur gut, dass Frau Herold in diesem Moment nicht mein
Schlafzimmer betritt.
Ich bekomme auch das
Spielzimmer zu sehen, welches die Mütter nutzen können, auch hierfür ist eine
Mutter für die Ordnung zuständig, aber seit Tagen sieht es unaufgeräumt aus. Der
Fußboden liegt voller Spielzeug, Tücher und anderes liegen herum. Die Küche
dagegen ist äußerst sauber und ordentlich. Dafür sind die Frauen zuständig, die
keine Kinder dabei haben. Hier sind auch die Erwartungen in punkto Sauberkeit
und Ordnung höher gesteckt. Man kann sich vorstellen, dass es ganz einfach
notwendig ist weil die Patientinnen sich hier das Frühstück (Abendbrot weiß ich
nicht) zubereiten – eine Infektion aufgrund mangelnder Hygiene würde sich
verheerend auswirken.
Zu erwähnen wäre noch der
große freundlich ausgestattete Raum des internen Kindergartens mit bunten
Bildern an den Fenstern und etlichen Ecken, in denen sich die Kinder auch
kuschelnd zurückziehen können. Durch eine Außentür geht es vom Kindergarten
gleich zum Kinderspielplatz, der reichlich mit Geräten bestückt ist. In
der Nähe des Hauses befindet sich – zur Freude der Kinder – auch ein Wildgehege
mit Rehen und zumindest einem Kitz wie ich bemerkte. Im großen
Eingangsbereich, der sich vor dem Kindergarten befindet sind noch Spielgeräte
für die Kinder untergebracht, damit an Regentagen eine räumliche Entzerrung –
oder eventuelle Trennung zwischen kleinen und größeren Kindern durchgeführt
werden kann.
Während ich durch die Station gehe, kommen zwei Mütter
von einem Arzttermin mit ihren Kindern zurück zur Station. Zunächst fällt mir
auf, dass sie ‚pusten’ müssen. Ein Rückfall während der Entwöhnungsphase ist
problematisch. Innerhalb von 24 Stunden muss sich die Patientin schriftlich
damit auseinandersetzen: Was hat zu diesem Verhalten geführt? Das Team setzt
sich mit der Patientin zusammen um dies zu bearbeiten. „Wer Suchtstoffe mit in
die Klinik nimmt und so andere gefährdet hat, der muss gehen!“ auch die
Patientinnen, die mangelnde Behandlungsmotivation aufweisen müssen mit
vorzeitiger Entlassung rechnen. So lautet hier die Regel – die gilt auch für
Schwangere.
Die Mütter sind in Eile, das Mittagessen ist schon da
und der Termin für eine Infogruppe drängt. Hier wird viel Wert auf Pünktlichkeit
gelegt.
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Therapie- und Behandlungskonzept:
· Behandlung
der Suchterkrankung (Fähigkeit zur Abstinenz, Erlangung von Autonomie, Aufbau
und Stabilisierung von Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen, Angstreduktion,
zunehmende Übernahme von Eigenverantwortung, private Beziehungsklärung, Erkennen
von Ressourcen und Stärken u.a..)
· Bearbeitung
der zur Suchterkrankung führenden Hintergrundproblematik (z.B.: erlittene
Gewalterfahrungen und sexueller Missbrauch, Beziehungs- und
Partnerschaftskonflikte, Störungen der Konflikt- und Kommunikationsfähigkeit u.a.)
· Wiedereingliederung in das Erwerbsleben unter Berücksichtigung der familiären
Situation.
· Stärkung der
Mutterrolle, Aufbau einer tragfähigen, verantwortungsbewussten und
positiv-emotionalen Mutter-Kind-Beziehung.
In der Eingangsphase leben sich Mutter und Kind oder die
Schwangere zunächst in den Alltag der Station ein. Der Patientin wird das
Einleben erleichtert und durch folgende Therapieangebote in den ersten 14 Tagen
unterstützt:
· Teilname an
einem Entspannungsverfahren
·
Teilnahme an der Informations- und Einführungsgruppe
· Einführung
in die Bewegungstherapie
· Testpsychologische Diagnostik
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Je nach Diagnoseergebnis erfolgt die Teilnahme in den Gruppen:
„Frauen mit Gewalterfahrung“ „Selbstbewusstsein stärken“ „Angstreduktion“
Im Zentrum der Psychotherapie steht die Gruppentherapie, in der
Solidarität mit anderen abhängigen Frauen können sich die Patientinnen von
Schuldgefühlen und Selbstvorwürfen befreien lernen und sich offen zu ihrem
Suchtverhalten bekennen. Es wird die Eigenmotivation gefördert. Suchtspezifische
Abwehrhaltungen der Bagatellisierung oder Verleugnung des Suchtverhaltens können
in einer vertrauensvollen Atmosphäre erkannt und aufgegeben werden. Dadurch wird
die Krankheitsakzeptanz verstärkt und der Abstinenzwunsch gefestigt. Zunehmende
Offenheit und Ehrlichkeit macht es möglich, belastende Erlebnisse im
Zusammenhang mit der Suchterkrankung anzusprechen und neue Einsichten zu
gewinnen, dadurch konkrete Verhaltensänderungen durchzuführen.
Sport, kreatives Gestalten, Arbeitstherapie:
Es gibt ein reichhaltiges Angebot an kreativen Techniken,
angefangen von Töpfern, Hinterglasmalen bis Arbeiten mit Leder, Holz und
Tiffany. Mütter können auch gemeinsam mit den Kindern Projekte kreativ umsetzen.
Für die Mütter gehört die Versorgung und Betreuung ihrer Kinder,
somit Erziehungs- und Hausarbeiten zu ihren wesentlichen Aufgaben in ihrer
häuslichen Situation – darüber hatte ich oben schon berichtet.
Die übrigen Therapieangebote sind reichhaltig gestaffelt und
reichen hier auch von zentralem sozialen Dienst – z.B. Hilfestellung bei der
Geltendmachung von Ansprüchen, Entspannungsverfahren, Gesundheitsvorträgen,
Selbstbewusstsein stärken, Ängste überwinden, Gruppenangebote für Frauen mit
Gewalterfahrung, Raucherentwöhnung, Bewerbertraining.
Top
Entlassungsphase.
Mit der Patientin wird eine Übergangs- und Anschlussperspektive
entwickelt. Es wird großer Wert darauf gelegt, dass die Patientin möglichst
führzeitig den Kontakt zu ihrer örtlichen Suchtberatungsstelle aufbaut. In den
letzten Behandlungstagen hat die Patientin Gelegenheit, sich von allen
Arbeitsbereichen der Klinik, ihrer therapeutischen Gruppe und ihrer
Einzeltherapeutin sowie dem Behandlungsteam zu verabschieden. In diesen Tagen
wird noch einmal Bilanz gezogen, hilfreiche Interventionen können verstärkt
werden und auch Hilfsangebote mit nach Hause genommen werden.
Abteilung
Medizinische Rehabilitation Sucht
der Westfälischen Klinik Gütersloh
Bettenzahl: 122
Adaption: 12
33334
Gütersloh, Im Füchtei 150
33242 Gütersloh, Postfach 12 63
Telefon:
05241 / 502-02
Telefax: 05241 / 502-601
Email:
bsk@wkp-lwl.org
Internet:
http://www.lwl.org
Information:
Frau von
Minckwitz 0 52 41 / 502-577
Leitung:
Dr. med. Ulrich Kemper, Arzt für Psychiatrie, Psychotherapie
Ulrike Dickenhorst, Dipl.-Soz.-Päd., Psychotherapeutin
Burkhard Eichberg, Pflegemanager (FH)
Aufnahmebüro:
Christiane von Minckwitz 0 52 41 / 502-577
Spezielle
Angebote:
Qualifizierte Entzugsbehandlung
Gemeindenahe Behandlung (auch
teilstationär)
Kombinierte Behandlung im
Verbundsystem
Spezifische Angebote für
Frauen
Mutter - Kind Behandlung (auch für Schwangere)
Sexualität und Gewalterfahrung
Kurzzeittherapie
Psychiatrische
Zusatzerkrankungen
Kombinationsbehandlung im
Verbundsystem
Pathologisches Glücksspiel
Träger:
Landschaftsverband Westfalen-Lippe
Top
Vom Stationspersonal höre ich immer wieder, dass sie es schade
finden, dass es sich nicht einrichten ließ zusammen mit mir und den Patientinnen
eine Gesprächsrunde zu organisieren. Auch hätte ich gerne ein Einzelgespräch mit
einer Patientin geführt. Aber für einen ersten Eindruck konnte ich viel
mitnehmen. Die Mitarbeiter zeigten reges Interesse an Fortbildung und Austausch
zum Thema FAS. Sie erwägen, zur Fachtagung nach Berlin zu kommen und auf jeden
Fall am 20.Januar nach Bielefeld und nehmen gern die mitgebrachten Poster und
Broschüren an.
Ich habe ein Exemplar von Michael Dorris Buch mitgenommen und
stifte es im Namen von FASworld – natürlich mit einer Widmung und
Internet-Adresse – der Bücherei dieser Station. Ein Mitarbeiter nahm es sofort
in Beschlag, drehte und wendete es immer wieder in der Hand und streichelte es
fast liebevoll. Er erhofft sich durch das Buch Erkenntnisse, die über
berufliches Interesse hinausgehen.
Top
Ganz zum Schluss möchte ich von den Kindern berichten. Ich
erzähle nicht genau, wann und wo ich sie sah, um der Mütter willen, aber als ich
mit den Kindern konfrontiert wurde, da wusste ich, warum ich diesen weiten Weg
gefahren war. Mittlerweile war es brütend heiß draußen, mein Wasser war lauwarm
geworden und der Heimweg würde sicher anstrengend sein. Aber für die Kinder hat
sich der Weg gelohnt. Ich sehe 6 Kinder im Alter von 18 Monaten bis zu 5 Jahren.
Ein Mädchen, normale Körpergröße, fast denke ich, dass sie gesund sein muss, da
sehe ich ihre Ohren und die Nase. Zwei Geschwisterkinder können von mir mit
Sicherheit als alkoholgeschädigt eingeordnet werden. Dem älteren Kind sieht man
nur wenig an. Es ist etwas zart gebaut, hat ein hübsches Gesicht, Mund und Nase
sind wohl geformt, aber die Augen haben die typischen Zeichen. Das jüngere
Geschwisterkind – 2 Jahre alt – ist deutlich untergewichtig. Nicht unbedingt zu
klein, dafür aber von ganz zartem Körperbau. Dünne Ärmchen, dünne Beine –
überdeutliche FAS-Gesichtszüge. Die Stimme - in hoher Stimmlage – erinnert mich
frappierend an unsere kleine Tatti. Das Mädchen ist sichtlich hyperaktiv.
Klettert und stolpert freudestrahlend durch die Gegend, legt sich bald hier
unter die Bank, bald klettert sie aufs Sofa und holt sich ein Spiel, bald sitzt
sie wieder am Tisch und lässt sich ein Steckspiel geben, was sie nach einiger
Zeit auch richtig zuordnen kann. Dann geht sie wieder unter die Bank, kriecht
erneut hervor und drängelt sich auf den Platz eines anderen Kindes, welches
kurzfristig aufgestanden war. Die Mutter des Kindes leugnet die Schäden, sie
will sie nicht sehen, mag sein, sie kann es zu diesem Zeitpunkt nicht. Das Kind
ist ‚eine Frühgeburt’ höre ich. Ein 18-Monate altes Kleinkind, welches durch
die Gegend krabbelt ist fast dreimal so schwer wie das 2-jährige Kind, ein
wahrer Wonneproppen.
Insgesamt schätze ich, dass von 6 Kindern – 4 alkoholgeschädigt
sind. Wenn das ein repräsentativer Schnitt für die Klinik ist, wird mir Angst.
Auch wird mir berichtet von Kindern, die immer wieder Kontakt zur Mutter suchen
und die Mutter schickt sie rüde weg.
Abschließend möchte ich meinen Dank der Klinikleitung gegenüber
zum Ausdruck bringen, die es mir ermöglichte, diese Einblicke zu sammeln.
Es ist ca. 15.00 Uhr, ich fahre wieder nach Hause. Draußen
scheint die Sonne, heiß ist es und ich schwitze sehr. Auf dem gesamten Heimweg
sehe ich die Kinder vor mir, wie sie sich beschäftigen, miteinander umgehen, wie
die Kleine koboltartig durch die Gegend turnt, rollt, stolpert. Lachen und
Weinen fast unterschiedslos und ohne Übergang und dann wieder fröhlich drauf los
auf das nächste Ereignis. Was wurde den Kindern genommen? Wer trägt die
Verantwortung? Nur die Mutter allein? Ganz sicher nicht. Jeder, der weggesehen
hat, jeder, der seine Verantwortung nicht wahr genommen hat.
Schauen wir genau hin, machen wir den Mund auf – sagen wir es den
Menschen, nur dann wird sich etwas ändern und wenn es nur für ein einziges Kind
wäre.
Ich fahre nach Hause und freue mich auf mein 5-jähriges gesundes
Kind. Aber immer wieder erschrecke ich bei dem Gedanken, dass mir niemand sagte,
dass ich keinen Alkohol trinken soll, es hätte auch anders sein
können.....................
Sigrid Reinhardt, 16.07.2003
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