Artikel aus dem Westfalen-Blatt Nr. 211 vom 09.09.2008

Sie kam betrunken zur Welt

 
Dinah litt schon als Kind   unter den Folgen des Fetalen Alkohol-Syndroms.

Von Christian Althoff 

Bielefeld (WB). Dinah S. war 28 Jahre alt, als sie endlich erfuhr, warum sie im Alltag versagt: »Meine Mutter hatte während der Schwangerschaft wohl täglich Weinbrand getrunken. Ich war schon krank, bevor ich auf die Welt kam.« 

FAS, Fetales Alkohol-Syndrom - von dieser Krankheit hatte die Bielefelderin vor sechs Jahren zum ersten Mal gehört. »Mein Mann sah damals Stern-TV. Er rief mich und sagte: Guck mal, die Frau da im Fernsehen hat genau die gleichen Probleme wie du!«

Schon als Kind sei sie anders gewesen, erinnert sich Dinah S. »Ich wurde gehänselt, weil ich sehr klein war und meine Körperproportionen nicht stimmten.« Mit Ach und Krach sei sie durch die Schule gekommen, sagt die 1,51 Meter große Frau. »In den Fächern, in denen man etwas auswendig lernen musste, hatte ich die allergrößten Schwierigkeiten.«

Die setzten sich nach der Gesamtschule fort, als Dinah S. eine betriebsübergreifende Ausbildung zur Bürokauffrau machte: »Ich brauche sehr lange, bis ich verstanden habe, was ich tun soll. Ich kann mich nicht konzentrieren und muss jemanden um mich herum haben, der mir im Nacken sitzt.« Dazu kämen immer wieder Panikattacken: »Dann habe ich Schweißausbrüche, fange an zu zittern, bekomme Beklemmungen in der Brust und glaube, gleich zu sterben.« Auch bei Alltagsarbeiten habe sie Probleme: »Es fällt mir schwer, den Haushalt zu führen und alles so in Ordnung zu halten, wie es sein müsste. Ich weiß, dass das Altpapier runtergebracht werden muss, aber ich tue es nicht. Ich sammel einfach alles.«

Warum es ihr so geht, erfuhr die Bielefelderin, als sie 2002 nach der Stern-TV-Sendung den FAS-Experten Dr. Reinhold Feldmann an der Uni-Klinik Münster aufsuchte. Nach einer mehrstündigen Untersuchung und einem Intelligenztest wusste Dinah S., dass sie an einer leichten Form von FAS leidet. Unter anderem hatte der Arzt Kinderfotos der Bielefelderin ausgewertet, denn Nase, Lippen und Augen können bei Kindern mit FAS anders aussehen als bei ihren Altersgenossen - Fehlbildungen, die sich später wieder auswachsen.

»Meine Mutter starb, als ich sechs Jahre alt war, und mein Vater lebt auch nicht mehr. Deshalb musste ich andere Verwandte nach dem Alkoholmissbrauch meiner Mutter befragen, als ich aus Münster zurückkehrte«, sagt Dinah S.

Neben der Bestätigung erfuhr die Frau, dass sie bei ihrer Geburt nur 2220 Gramm gewogen hatte und gerade einmal 43 Zentimeter groß gewesen war. »Lebte meine Mutter noch - ich glaube, ich hätte den Kontakt für immer abgebrochen. In den ersten Monaten nach der Diagnose hatte ich eine unglaubliche Wut auf sie«, erzählt die Bielefelderin. Dabei leide sie ja nur an einer leichten Form des FAS: »Andere Betroffene müssen im betreuten Wohnen leben oder sind so aggressiv, dass sie in geschlossene Einrichtungen kommen.« Heute ist Dinah S. selber schwanger - im fünften Monat. »Ich rühre nicht einen einzigen Tropfen Alkohol an. Für mich wäre das Körperverletzung am eigenen Kind.«

www.fasworld-owl.de

 

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