Ich freue mich sehr über deine Frage -
obwohl sie ja eigentlich eine traurige Frage ist.
Wie du vielleicht weißt, kenne ich deine
erste Mama nicht, aber ich kann dir einmal erzählen, warum
Menschen überhaupt Alkohol trinken.
Alkohol gibt es schon sehr sehr lange -
und die Menschen haben gemerkt, dass er helfen kann, damit Sachen
haltbar werden - das ist ja eine gute Wirkung vom Alkohol und er wurde
sehr wichtig, um Wunden ganz sauber zu machen, damit die Menschen nicht
durch den Schmutz krank werden.
Dann haben die Menschen gemerkt, dass sie
sich anders fühlen, wenn sie den
Alkohol
trinken - sie fühlten sich lustig und konnten ihre Sorgen vergessen.
Andere Menschen werden ruhig und müde - wieder andere Menschen fühlen
sich dann ganz stark und wollen gerne raufen.
So hat es zu allen Zeiten Menschen
gegeben, die mehr Alkohol getrunken haben, als es ihnen eigentlich gut
getan hat und sie wurden krank davon.
Wenn du das nicht so richtig verstehst,
habe ich ein Beispiel.
Vielleicht ist dir schon einmal passiert,
dass du dir weh getan hast - und dann hast du vielleicht ein Bonbon als
Trost bekommen - du hast dich gleich besser gefühlt und deine Sorgen -
deinen Schmerz vergessen.
Jetzt stell dir einmal vor, du hättest oft Kummer und würdest immer
gleich ein Bonbon essen -
ich glaube, du kannst dir gut vorstellen, dass das für deine Zähne nicht
gut wäre - und dein Körper mag so ganz viele Süßigkeiten eigentlich auch
gar nicht, weil sie ihn krank machen.
Du weißt das und dein Körper weiß das und
trotzdem schmecken dir die Bonbons.
Und ich sage dir noch etwas - es ist viel
viel schöner, wenn man gelernt hat, mit dem, was einen traurig
umzugehen. Der erste Weg dazu ist der, dass man erkennt, wenn man
traurig ist und jemanden findet, dem man das sagen kann.
Nun gibt es einen Unterschied zwischen
den Bonbons und dem Alkohol.
Der Alkohol hat eine raffinierte
Eigenschaft - ich nenne es einmal einen Anker
Du weißt doch sicher, was ein Anker ist?
Er gehört zu einem Schiff und hält es an dem Platz, wo es bleiben soll
fest.
,Dieser Anker vom Alkohol, der macht sich
nun in einem ganz bestimmten Teil vom Kopf fest und - er verbindet sich
auch noch mit dem Steuerruder.
- Das passiert nicht gleich beim ersten Mal, wenn man etwas trinkt,
sondern es dauert eine ganz lange Zeit - einige Jahre - und der Anker
von dem Alkohol der wird immer stärker und immer fester.
Und dieser Anker, der sich im Kopf
festgemacht hat, der ist so stark, dass man das Gefühl hat, ganz
unglücklich zu sein, wenn man nun keinen Alkohol trinkt. Weil der Anker
nun auch noch mit dem Steuerruder verbunden ist, und weil die Menschen
lustig sein wollen, trinken sie dann den Alkohol.
Und gerade wegen dem Anker fällt es
vielen Menschen so schwer, das nächste Glas stehen zu lassen. Es gibt
viele Menschen, die das schaffen. Sie nehmen es sich vor, nicht mehr zu
trinken - alleine ist das oft nicht zu schaffen - sie holen sich Hilfe
von Menschen, die Erfahrung haben.
Wenn es nun jemand geschafft hat, den
Alkohol nicht mehr zu trinken, muss er ein Leben lang aufpassen, dass
sie auch keinen Alkohol mehr aus versehen trinken, weil sonst der Anker
im Kopf ganz schnell wieder mehr haben will und das dem Steuerruder
mitteilt.
Die Ärzte haben herausgefunden, dass
Menschen, die diesen Anker in sich haben, sehr krank sind und dass
dieser Anker stärker ist als die Liebe zu sich selber. Du möchtest
doch, dass du gesund bleibst und sicher putzt du dir auch die Zähne
und paßt auf, was deine zweite Mama dir sagt, was du zum Beispiel essen
sollst
und dass du im Winter Schal und Mütze anziehst, damit du gesund bleibst
- So ein Anker aber ist stärker und die Menschen zerstören sich selber
und leider auch die kleinen Babys, wenn eine Mutti eins im Bauch hat.
Oft weiß die Frau - so wie deine erste
Mama - es lange Zeit nicht, dass ein Baby unterwegs ist. Und oft weiß
sie ja auch gar nicht, dass sie gar keinen Alkohol trinken darf, weil
ihr das niemand gesagt hat - und das ist sehr schade. Ich habe von
vielen Müttern gehört, dass sie es nicht wußten und dass es ihnen alles
sehr sehr leid getan hat, denn sie hatten ihr kleines Baby sehr sehr
gehabt.
Dieser Anker im Kopf war stärker als
alles, was du dir irgend vorstellen kannst. Und das war dann auch der
Grund, warum deine erste Mama einverstanden war, dass du zu einer
zweiten Mama darfst, weil die erste Mama krank war und dich nicht
richtig versorgen konnte.

Alkohol gab es schon lange Zeit und gibt
es in allen Ländern. Wichtig ist, dass man mit dem Alkohol richtig
umgeht und in nur selten trinkt.
Wie ich schon oben geschrieben habe,
macht der Alkohol manche Menschen für eine kurze Zeit manchmal sehr
lustig - aber eigentlich ist das ja eine ganz falsche Lustigkeit.
Ich möchte meinen, dass du bestimmt viele
Ideen hast, wie man lustig sein kann, auch ohne Alkohol zu trinken.
Magst du mir das mal schreiben?
Lieber Alexander, das war jetzt ein ganz
langer Brief und ich habe mir gedacht, dass es vielleicht noch mehr
Kinder gibt, die das wissen wollen, was du mich gefragt hast.
Wenn du und dein Mama einverstanden seid,
dann mache ich eine Seite auf der FASKINDER-Seite und schreibe, dass der
Alexander, der 9 Jahre alt ist, mir diese Frage schickte und ich
schreibe dann auch diese lange Antwort mit dazu.
Ich kann mir auch vorstellen, dass die
Kinder das besser verstehen würden, wenn man das Ganze als ein Bild
malt.
Meinst Du, Du könntest mir so ein Bild
mit einem Anker und Steuerrad malen?
Male einfach das Bild auf, dass dir bei
meinen Worten so in den Kopf gekommen ist und ich kann es allen anderen
Kindern zeigen.
Dein Bild kannst du mir an meine
Post-Adresse oder an meine E-mail-Adresse schicken.
Nun wünsche ich dir in diesem Sommer noch
eine wunderschöne Zeit.
Deine Sigrid!

Sigrid Reinhardt
Saarlandring 4 A
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