Wie gehen wir Eltern damit um...
...wenn unsere Kinder nicht mehr lenkbar sind?
...sich nicht mehr steuern lassen?
...eine Gefahr für sich und andere sind?
...wo liegen unsere Grenzen?
... können wir sie auch setzen?
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Brief eines Pflegevaters!
Ich habe in den letzten Wochen zu dieser Frage so einige
Beiträge gelesen. Jetzt habe ich mir Mühe gegeben und versucht, unsere
Familiensituation und unseren Umgang mit Jan zu formulieren. Vielleicht
stoße ich bei so einigen auf Ablehnung, trotzdem stelle ich
nachfolgenden Beitrag zur Diskussion:
Jedem hier dürften die Marotten unserer FAS-Kinder aus
eigener Anschauung bekannt sein. Auch unser Jan bot das volle Programm.
Im Frühsommer letzten Jahres ging gar nichts mehr. Jan war elfeinhalb
Jahre alt. Mit sieben Monaten kam er zu uns in die Familie. Der Verdacht
auf Alkoholembryopathie bestand von Anfang an.
Trotz langjähriger therapeutischer Begleitung und
viel Arrangement unserer Familie wurde sein Verhalten immer kritischer.
Besonders zu schaffen, machte uns sein aggressives
Verhalten. Mit der befürchteten Pubertät zeigte er Verhaltensmuster,
die für mich nicht mehr tolerierbar waren. Nicht, dass ich damit
Probleme hätte wenn Kinder sich mal körperlich auseinandersetzen aber
Jan
fing an, andere Kinder zu misshandeln.
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Fast täglich kamen Meldungen aus
der Schule oder aus der Nachbarschaft. Zudem hatte Jan sich über die
Schule einen Freundeskreis von Gleichgesinnten gesucht. Das Ganze
eskalierte. Selbst die Existenz unserer Familie wurde in
Frage gestellt.
Hier war für mich Schluss.
In einer Art Familienkonferenz (ohne Jan) entschlossen wir uns für
eine Trennung von dem Jungen. Die damit verbundenen möglichen
Folgen
waren uns durchaus bewusst. Wir wollten versuchen, das Optimum für
das Kind bei der zukünftigen Unterbringung heraus zu holen.
Also
wurden die Sozialarbeiterin vom Jugendamt und Jans Lehrerin zu einem
Gespräch eingeladen. Die Sozialarbeiterin erklärte sich bereit,
bei
entsprechenden Institutionen um Aufnahme nachzufragen. Allen war
aber klar, dass das kurzfristig nicht möglich sein würde.
Ich musste aber auch eine Möglichkeit des kurzfristigen Handelns
finden. Die üblichen Sanktionen waren bei Jan nicht wirksam.
Jemanden, der nicht über die möglichen Konsequenzen seines
Handelns
nachdenkt, kann man auch nicht mit den üblichen Mitteln wie
Fernsehverbot oder Stubenarrest bestrafen. Doch immer dann, wenn ich
auf Jans Verhalten sehr schnell und sehr intensiv reagiert habe,
hatte der Junge sich einen „Merker" gesetzt.
In der Hoffnung auf solch einen Merker bestand ich auf die
Möglichkeit, bei nochmaligem Vorfall den Jungen sofort
außerhalb
unterbringen zu können. Das Jugendamt musste mitspielen.
Bei uns gibt es die Inobhutnahme des Jugendamtes. Bei Bedrohung oder
Gefahr kann das Jugendamt oder auch die Polizei Kinder hier sofort
unterbringen. Die Inobhutnahme ist eigentlich als Schutz für
Kinder
gedacht. In einer Art Sanktion sollte Jan dort sofort untergebracht
werden können.
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Aus meiner Kindheit kenn ich noch den Spruch: "Wenn
du nicht lieb bist, kommst du ins Heim." Dass ich das eines Tages
selbst einmal anwenden würde, hätte ich nie geglaubt.
Jan spürte, dass die Luft für ihn dünner wurde. Ich nahm ihn
zur
Seite. Nicht, dass ich der Meinung wäre, dass der Klaps auf dem Po
eine strafbare Handlung ist. Ich habe meine Kinder in diesem Sinne
nie angefasst, kann aber mit meinem Stimmvolumen ganz gut
umgehen:
-
"Wenn auch nur noch einmal etwas passiert,
-
wenn sich nur
noch einmal jemand über dich beschwert,
-
wenn du nur noch einmal
jemanden schlägst,
-
wenn noch einmal etwas aus Wut zu Bruch geht
und
-
wenn nur noch ein einziges mal Jemand wegen dir weint, mein Freund,
egal ob du das jetzt verstehst oder auch nicht, dann bist du hier
raus!!!"
Ich hätte auch sagen können:
"Du hast jetzt 2 Wochen Stubenarrest."
Seine Reaktion war nicht sonderlich.
Wir hatten jedenfalls für 3 Wochen Ruhe.
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Dann passierte, was passieren musste. Der Alarm kam aus der Schule.
Jan hatte ein ebenfalls behindertes Mädchen durch die Turnhalle
gekugelt. Ich war auf Arbeit und fuhr sofort zur Schule, packte Jan
kommentarlos ins Auto.
Meine Frau hatte zwischenzeitlich die
Inobhutnahme informiert und die notwendigsten Sachen gepackt.
Innerhalb einer Stunde war der Junge untergebracht, war raus aus
seinem familiären Umfeld.
Für 4 Tage war der Kontakt zu uns abgebrochen. Jan wurde weiterhin
zur Schule gebracht. Am 5.Tag fuhr ich zu ihm hin. Das Ambiente war
nicht schlecht. Schönes Einzelzimmer mit Fernseher, Playstation
und
einer netten und schönen 1:1 Betreuung. Das hätte ich wohl auch
ausgehalten. Jan machte keinen gebrochenen Eindruck.
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Wir gingen
Spazieren. Ich ging auf volles Risiko:
„Überleg dir das jetzt
gut.
Wenn du mir versprichst, dass du in Zukunft keinen Blödsinn mehr
machst, kannst du erstmal wieder mit nach Hause. Wenn du meinst,
dass das hier besser ist, kannst du aber auch hier bleiben."
Wir hatten Jan fast 12 Jahre. In diesen Jahren hatten wir den Jungen
noch nie mit Tränen Weinen gesehen. Fast schon so, als wenn ihm
die
Drüsen dafür fehlten.
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„Ich möchte gerne wieder nach Hause".
Jan bekam einen
Weinkrampf.
All die Tränen, die ihm bisher fehlten, brachen sintflutartig
heraus. Ich hatte dieses böse Spiel gewonnen, hatte ihn dort, wo
ich
ihn haben wollte.
Diese kleine Schocktherapie ist jetzt ein Jahr her. Im Gegensatz zu
vorher haben wir ein „friedliches" und „ausgeglichenes
Kind".
Es
trat bei Jan eine derart positive Wandlung ein, wie wir sie nie
erhofft hätten. Kritische Situationen hat es nicht mehr gegeben.
Es gab seither keinerlei Beschwerden von Dritten. Wir können Jan
unbeaufsichtigt nach draußen lassen, ohne negative
Rückmeldungen zu
befürchten.
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Mama und Papa können auch mal alleine weg, bei
Beaufsichtigung durch die älteren Geschwister gibt es keine
Probleme. Es gab seither keinen „größeren" Sachschaden.
Genauso positive Rückmeldungen kamen aus der Schule.
Jan funktioniert dort
jetzt als „Zivildienstleistender" und wird zur Betreuung von
jüngeren, bzw. schwächeren Kindern herangezogen. Auch hier,
keinerlei Übergriffe mehr.
Jans Lehrfähigkeit hat stark zugenommen. Er kann jetzt die Uhr im
Viertelstunden-Rhythmus lesen, kann im Zahlenraum von 1 bis 20
rechnen, liest einfachste Texte und kann seinen Namen mit Adresse
schreiben.
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All dies hatten wir vor einem Jahr noch für undenkbar
gehalten. Von Leuten die uns beobachten, werden wir gefragt welches
Medikament wir geben.
Nicht, dass unserer Junge problemlos ist, aber alles, was jetzt noch
ansteht, liegt im grünen Bereich und lässt sich durchaus händeln.
Einen Kontakt zu seinem „Freundeskreis" haben wir
unterbunden.
Möglichen Konfliktsituationen gehen wir konsequent aus dem Wege.
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Da wir Jans verändertes Verhalten letzten Herbst noch nicht
richtig
einschätzen konnten, hatten wir die Sache mit der ordentlichen
Unterbringung in einer Wohngruppe oder ähnlichem weiter verfolgt.
Nach vielen erfolglosen Vorstellungen haben wir eine für alle
Seiten
akzeptable Lösung gefunden. Wir haben eine Zusage für Februar
2006.
Jans positive Wandlung lässt den Gedanken zu, dass er weiterhin
bei
uns in der Familie bleiben kann.
Schauen wir mal.
Peter - und Frau Schubert
Und was ist Ihre Meinung zu diesem Beitrag?
info@faskinder.de
So sieht Jan (12) seine Familie.
Das Foto sehen sie auf der Originalseite
www.faskinder.de/konsequenzen.htm
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